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Auf der WalzGeschrieben von Holzweb |
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Bericht: Ernst Johann Schwarz/Sabine Zink Zwei ziehen durch die Welt. Ein Tischler und ein Zimmermann auf Wanderschaft. Sie pflegen eine mittelalterliche Tradition und gehen auf die Walz. Ein Brauchtum, das heute wieder auflebt.
Ein strenger Kodex regelt ihr Wanderleben: Wer sich auf die Reise macht, muß ledig, kinderlos und schuldenfrei sein.
Drei Jahre und einen Tag muß er zu Fuß oder per Autostopp unterwegs sein.
Für die Wandergesellen hat das Handwerk goldenen Boden.
Österreichs Handwerker pflegen diese Tradition längst nicht mehr.
Dirk Müller, Tischler auf der Walz
"In Österreich wird das Handwerk auf ein Arbeitertum reduziert. Das macht sich bei der Bezahlung, beim Auftreten in der Bevölkerung bemerkbar, wenn man österr. Handwerker kennenlernt vielleicht auch bei deren Identifikation mit dem eigenen Job, mit dem eigene Beruf, daß eben Handwerk hier eher als Job zum Geldverdienen und nicht als Handwerk, als Profession, als Berufung angesehen wird. Ich glaube, daß darin die Gründe liegen, daß Österreicher seltener auf Wanderschaft gehen. Weil in Kluft ist es eine permanente Identifiaktion mit dem Beruf."
Die Kluft ist Arbeitskleidung und Sonntagsgewand in einem. Ein schwarzer Samt-Anzug mit Weste und Hut.
Wer nicht wandern mag, dem bietet die EU eine moderne Variante der "Walz". Im Rahmen des Bildungsprogrammes Leonardo werden Auslandsaufenthalte gefördert. Österreichs Gesellen könnten auf diese Weise Erfahrung sammeln.
Georg Matzner, Int. Fachkräfteaustausch
"Warum im Bereich der Facharbeiter aus Österreich heraus nicht soviel Rückmeldungen, positive Rückmeldungen, Interesse da ist. Wie gesagt, das liegt prinzipiell an sehr hohen Eigenengagement, das notwendig ist. Man muß sich vorstellen, wenn ein junger Mann, eine junge Frau ausgelernt ist, dann sind zehntausend bis fünfzehntausend je nach Branche netto zu erwarten. Wenn dann sozusagen die Rückstufung auf die Hälfte zu leisten ist, dann ist das ein ziemlicher Verlust."
Die EU bezahlt auch das Flugticket für die moderne "Walz" und zusätzlich etwa fünftausend Schilling pro Monat. Die Wandergesellen dagegen müssen sich Reisegeld und Lebensunterhalt selbst verdienen.
Auf EU-Kosten haben zuletzt vier österreichische Handwerker ein dreiwöchiges Praktikum in Dänemark absolviert. Berufliche Weiterbildung als Chance auf dem enger werdenden Arbeitsmarkt.
Handwerker
"Bei uns ist es so, die Leute denken, Arbeit, naja, nebensächlich. Und dort ist es so, Arbeit und Vergnügen in einem irgendwie verbunden, weil sie, egal ob Chef oder normaler Angestellter alle per du sind und das ist ein besseres Arbeitsverhältnis dann."
"Also ich bin Kfz-Mechaniker und habe dort bei Volvo-Renault gearbeitet und ich muß sagen, Dänemark ist ein recht nettes Land und ich hab dort eigentlich ziemlich viel gelernt in Zusammenhang mit Autos und so ...Fachkräfteaustausch..."
"Ist es anders wie hier, hat man jetzt konkret etwas anderes gelernt, was man hier nicht lernen kann?"
"Naja, man lernt überall wo ein bißerl was anderes. Und ich schätze, es ist doch ein bißerl wichtig, daß man da ein bißerl was mitlernt, weil der weiß ein bißerl was besseres, und der weiß wieder was anderes und so kann man ein bißerl was lernen."
Handwerker lernen nie aus. Dennoch ist das Interesse österreichischer Handwerker für ein gefördertes Praktikum im Ausland sehr gering. Das Warum kennt der Standesvertreter genau:
Wilfried Haas, Sektion Gewerbe und Handwerk
"Das ist eine Schwäche des Österreichers am Sprachproblem. Die EU-Programme, das Leonardo-Programm zum Beispiel stellt natürlich ein wenig auch ab, daß man in ein Land geht mit einer anderen Sprache, damit eben diese europäische Einheit gefördert wird. Und die Aufenthalte sind relativ lang."
Ein Berliner in Marchegg in NÖ. Frank Nowitzki findet nach Abschluß seiner Lehre keinen Arbeitsplatz in seiner Heimatstadt. Die Walz sieht er als Chance. Seit 1996 wandert er quer durch Europa. In der Schweiz, in Frankreich und Holland hat er fachlich dazugelernt. Nun ist er in Österreich gelandet. Beim Zimmerer des Ortes spricht er - wie's der Brauch - will um Arbeit vor:
Handwerker
"Servus, ich hätt ein kleines Anliegen vorzubringen, was da wohl lautet: mit Gunst und Verlaub dem ehrenwerten Herrn Krautter hier zum Gruße. Ich bin ein zünftig reisender Wandergeselle für drei Jahre und einen Tag auf der Wanderschaft. Das natürlich auch zu Fuße. Ich bin dabei die Welt zu umrunden und das Handwerk zu erkunden. Bin auch schon gereist durch die Lande kreuz und quer von der Nordsee bis zum Mittelmeer, hat nur leider kaum noch Mittelmeer. Drum wollt ich nach Altväter Sitte und Art und gutem alten Handwerkerbrauch, um Arbeit vorsprechen. Wenn die zu erübrigen wär, das wär wohl recht, ehrbar und hochwohllöblich. Mit Gunst und Verlaub, das schon das ganze Anliegen und der ganze Schnack.
"Mit Gunst und Verlaub, freut mich!"
"Servus, wie siehts aus, hättest du Arbeit?"
"Na klar doch!"
Arbeit auf einer Baustelle der besonderen Art - auch für einen weitgereisten Zimmermann. In Marchegg wird eine Klosterkapelle errichtet.
Der Zimmereibesitzer nimmt seit Jahren immer wieder fahrende Handwerkgesellen auf und hat durchwegs gute Erfahrungen mit ihnen gemacht. Er baut auf das gegenseitige Lernen.
Frank Nowitzki, Zimmermann auf der Walz
"Ich hab vierzehn Jahr in Berlin gelebt, da hat man die Schnauze voll von so einer großen Stadt, man will ein bißchen mehr sehen außer nur Berlin. Naja, dann zieht man halt drei Jahr und einen Tag durch die Weltgeschichte. Ich hab mir versprochen davon, handwerklich dazu zulernen. Es geht schon los in Deutschland, im norddeutschen Raum baut man anders als im süddeutschen, da gehts schon los. Wenn man das überb ganz Europa verteilt sieht, lernt man unheimlich viel dazu."
Erwin Lämmermayer, Zimmerei-Besitzer
"Ich würde es sehr begrüßen, wenn in Österreich junge Zimmerleute diese Chance ergreifen würden, auf die Walz bzw. auf die Tippelei zu gehen. Ich würde auch sagen, daß man von beiderlei lernen kann, von den Reisenden an das Stammpersonal. Und ich würde es begrüßen, wenn eben mehr junge Leute der Tradition wegen wieder auf Wanderschaft gehen würden."
Traditionelles Tortenbacken. Zwei Zuckerbäckerinnen aus Finnland in der Konditorei Demel in Wien. Die beiden absolvieren ein EU-gefördertes Praktikum. Zwei Wochen bleiben sie in Österreich. Hier lernen sie neue Handgriffe. Der Betrieb ist zufrieden mit den zwei Gastkonditorinnen: Sie sind sehr gut ausgebildet heißt es. Profitieren konnten die beiden vor allem in der Verarbeitung von Schokolade. In Finnland wird sie zugekauft - der Demel stellt sie selber her.
"Was haben Sie in Österreich gelernt?"
"Das Backen von Apfelstrudel und Sachertorten."
"In Finnland machen wir die Schokolade nicht selber. Hier wird sie im Betrieb erzeugt. Wir machen das nicht selber!"
In Wien machen die wandernden Handwerksgesellen gerne Rast. Das Gasthaus "Zum letzten Klabautermann" im siebenten Bezirk ist seit einigen Jahren ihr Treffpunkt. Der Wirt, den die Gesellen "Vattern" nennen, kümmert sich um sie. Die Lebenslust kommt nicht zu kurz.
Der Wirt weiß, wo Arbeit zu finden ist und schickt die Neuankömmlinge ins Rathaus, wo jeder Geselle eine Fünfhundertschilling-Münze als Reisegeld bekommt.
Zum Abschied wird nach alter Sitte ein Nagel ins Holz geschlagen. Ein Stock im Eisen.
"Bravo, gratuliere dir!"
Abschiednehmen fällt auch den wandernden Wandergesellen manchmal schwer.
Sie ziehen weiter und halten sich an ihren traditionellen Reisespruch, der da lautet:
"Spring, spring doch. Du hast drei Jahre und einen Tag Zeit. Und wenn du langsam genug gehst, kommt deine Seele mit."
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